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Raum des Gedenkens und
des Lernens

Sechs Thesen zum gesellschaftspolitischen Hintergrund des Projekts

 

  1. Nach bald 70 Jahren gibt es gute Gründe, über neue Formen des respektvollen Gedenkens und darüber hinaus über neue Wege nachzudenken, wie das belastende historische Erbe der Region für ein ertragreiches Lernen hinsichtlich der gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart genutzt werden kann.

  2. Die über weite Strecken immer noch vorherrschende personenbezogene Kategorienbildung von "Opfer - Täter - Zu-(besser: Weg-)schauer" erweist sich samt der damit verbundenen moralischen Bewertungen als wenig zukunftsweisend.
    Vergröbernde Zuschreibungen dieser Art wären sinnvoller Weise abzulösen von einer Analyse der gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, die ganz normale Menschen vor 70, 80 Jahren dazu gebracht haben, die zunehmende Verbreitung rassistischen und menschenverachtenden Gedankenguts bis hin zur Einrichtung von Konzentrationslagern aktiv mitzutragen oder dieser Entwicklung passiv wegschauend Raum zu geben.

  3. Wenn seit Jahrzehnten einmal im Mai tausende Menschen in die Region strömen, um als ehemalige Häftlinge ihres Leidens oder als Nachkommen der Opfer ihrer Vorfahren zu gedenken, so ist diesem Ritual des Erinnerns Respekt zu zollen.
    Diesem jährlichen Gedenken schließen sich die Spitzen des Staates und politisch bewusste Gruppen der Zivilgesellschaft in schweigender Identifikation mit den Opfern an. In einem einmaligen und beeindruckenden Staatsakt zeigt sich Österreich dabei international als geschichtsbewusstes Land. - Für die in der Region lebenden Menschen ist aber die Haltung mancher Besucher unerträglich, in ihnen die Nachfahren der Täter zu sehen.

  4. Die Wohnbevölkerung der Bewusstseinsregion Mauthausen - Gusen - St. Georgen kann sich weniger als die übrige Bevölkerung Österreichs der Wohltat des Vergessens erfreuen. Man weiß: Vergessen kann beim Einzelnen wie auch gemeinschaftlich eine durchaus heilende Wirkung entfalten. Vergessen-Können gilt auch als eine lebensstärkende Leistung.
    Angesichts der Ungeheuerlichkeit des systematischen Mordens in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches verbietet es sich jedoch für uns Nachkommenden, das "Niemals vergessen!" der Opfer einfach zur Seite zu schieben.

  5. Aus diesem Spannungsfeld folgt, dass es anderer Formen, aktiverer Formen der gesellschaftlichen Heilung bedarf, die das belastete Erbe ansprechen und es entlastend und selbstbewusst überwinden.
    Das Projekt Bewusstseinsregion Mauthausen - Gusen - St. Georgen sucht solche Wege und weiß, dass es erfolgreich in diese Richtung nur gehen kann, wenn die Suche nach neuen Formen und Ausdrucksweisen eines gegenwartsbezogenen Erinnerns und Lernens von der regionalen Wohnbevölkerung mitgetragen wird.

  6. Die Last der Geschichte des Raumes kann keinesfalls den betroffenen Gemeinden allein zugerechnet werden. Wir sehen das weitere politische Umfeld, Bund und Land, in der moralischen Verantwortung, die Umsetzung von geeigneten, im Projekt Bewusstseinsregion entwickelten Ideen zur Überwindung des belastenden Erbes tatkräftig zu unterstützen.


    • Alfred Zauner